Eine ungehaltene Predigt

Leseprobe

Als Papa die Biotonne vergaß

...dabei hatten wir sie ja schon bei der letzten Leerung vergessen. Wir, d.h. meine Frau und ich gemeinsam. Das war kurz nach Weihnachten. Jetzt stand sie schon zwei Wochen vor dem Haus, randvoll. Und stank fürchterlich.

Für Dienstag war „Biotonne“ angesagt. Endlich. Meine Frau stellte sie vorsichtshalber schon Samstag an den Straßenrand, bevor sie für drei Tage zu einem Konzert nach Berlin fuhr. Sie traute mir nicht. Sie dachte, ich würde die Biotonne vergessen. „Ach was“, dachte ich, „die vergess‘ ich bestimmt nicht!“, und rollte sie zurück in ihr kleines Vordergartenhäuschen. Was würden die Nachbarn sagen, wenn unsere Biotonne am Straßenrand steht und stinkt? Und das schon am Sonntag?!

So verging der Sonntag, zu aller Zufriedenheit. Ihm folgte der Montag. Aber für einen Rentner verschwimmt der Kalender irgendwie. Jeder Tag ist jetzt ein Sonntag. Auch ein Dienstag ist nichts Besonderes. Am Montag also hab ich bis spät in die Nacht an einem Vortrag gearbeitet. Es ging gut von der Hand. Ich war wie aufgedreht und konnte lange nicht einschlafen. Dann schlief ich doch ein. Fest.

Und ich träumte. Ich träumte, ich läge in einem Häuschen mitten in einer südländischen Stadt. Enge Gassen. Kopfsteinpflaster. Da hörte ich von weitem ein Ächzen und Stöhnen. Es kam näher und näher. Und immer wieder kreischte ein Aufheulen durch die Straßen. Dann hörte man das Knirschen und Rasseln schwerer Ketten. Dieses unheimliche Geräusch kenne ich doch? Das können nur Panzer sein, feindliche Panzer. Und jeden Augenblick werden sie um unsere Straßenecke biegen und ihr Panzerrohr auf mein Fenster richten...!!

Schweißgebadet wache ich auf. Gottseidank, nur ein Albtraum! Warum hatte ich mir auch vor acht Tagen „Die Brücke“ noch einmal im Fernsehen angetan? Aber was war das? Dieses Geräusch kenne ich doch. Nur war es jetzt kaum noch zu hören: das Ächzen und Donnern - des... des Müllwagens!!

Mit einem Satz war ich aus dem Bett. Es war Dienstag! Dienstag, 7.53 Uhr. So wie ich war, barfuß in nassgeschwitztem Pyjama sauste ich vor die Tür. Draußen war alles friedlich, nur empfindlich kalt. Links am Straßenrand stand die Biotonne des Nachbarn B. Ich rannte hin.

Vielleicht waren sie ja noch nicht da gewesen. Ich hebe den Deckel: Die Tonne ist leer. Verzweiflung packt mich. Was wird meine Frau sagen? Wie Recht hatte sie doch gehabt - am Samstag. Und wie Recht hat sie, wenn sie den Papa nur noch „Päppchen“ nennt. Und jetzt? Jetzt geschieht es mir ganz Recht, wenn daraus nur noch ein „Päppselchen“ wird.

Was kann ich jetzt noch tun? Soll ich unsere Biotonne an den B.’schen Straßenrand rollen, und dafür seine in unserem Häuschen verschwinden lassen? Beide sind sie braun; sie gleichen sich, wie ein Ei dem anderen.

Ein verstohlener Blick in die Runde bestätigt: alle nachbarlichen Fenster sind noch blind...
Quatsch! Das kannst du doch nicht machen.

Ich rase zurück ins Haus. Ich habe einen Plan, - eine letzte verzweifelte Möglichkeit, denn noch dröhnt der „Panzer“ - wenn auch in weiter Ferne. Und wenn das nicht klappt, kann ich mich immer noch im Wald verstecken...

Schnell!! Rein in die Pantoffeln, den alten Mantel übergeworfen, die Pelzmütze auf den verwuselten Kopf, die Garage auf.

Den Haustürschlüssel nicht vergessen. Was würde Frau B. denken, wenn der Herr Professor so früh morgens im Pyjama um seinen eigenen Haustürschlüssel bittet, weil er behauptet die Tür sei zugeschlagen...?

Mit einem Satz hält das Auto neben der Biotonne. Schnell die Tür zum Laderaum geöffnet. Aber - wuchten Sie mal eine übervolle, stinkende Biotonne einen Meter hoch und in den Laderaum eines Opel-Caravans! Fast hätte ich’s auch aufgegeben. Mit letzter Kraft, und ohne Rücksicht auf die Bandscheiben, balanciere ich sie tatsächlich auf der Ladefläche.

Nur: sie ist zu hoch! Sie kann unmöglich da drin stehen. Also muss sie eben flach liegen, mit dem Deckel gegen die Wand geklemmt, so, dass er nicht aufgehen kann.

Nun schnell rein hinters Steuer. Ich rase zur ersten Straßenkreuzung. Zum Teufel mit der „30 km“-Geschwindigkeitsbegrenzung! Ich schaue nach rechts. Dann nach links: DA! Tatsächlich - ganz hinten an der übernächsten Querstraße hält und blinkt der orangen-riesige Müllwagen.
Also biege ich links ab. Aber ich komme nicht ran. Zwei Autos stehen schon hinter dem Riesen Schlange und können auch nicht überholen.

Verzweifelt hupe ich mit Licht und Horn. Da biegt er auch schon rechts ab und verschwindet zügig Richtung Hauptstrasse. Meine beiden „Vorgänger“ auch. Gottlob biegen sie aber an der Hauptstrasse links ab, Richtung Stadtmitte, zur Arbeit vermutlich. Das Müllauto dagegen donnert nach rechts in die Feudenheimer Hauptstrasse. Es fährt viel zu schnell. Sicher ist es längst voll und fährt zur Mülldeponie. Feierabend. Mit einem gewagten Spurt hefte ich mich trotzdem an seine Hinterräder. Da blinkt es plötzlich nach rechts und rumpelt auf den Bürgersteig - direkt vorm Bäcker Grimminger. Und - Oh Wunder! - dort hält es. Ich tu’s ihm nach und trete auf die Bremse. Mit einem Satz springe ich raus. Vergesse den Motor abzustellen, vergesse Autoschlüssel, Licht - alles egal.

Ich renne vor und hämmere ans Fahrerfenster. Der Fahrer guckt leicht erstaunt - wohl wegen der Pyjamahosen. Dann kurbelt er das Fenster runter. Ich bringe mein Anliegen vor, atemlos: „Könnten Sie...wäre es vielleicht möglich... wir haben Sie schon vor zwei Wochen verpasst...“

„Abba klaar!“ und zwei Männer springen noch einmal heraus aus ihrem Müllwagen. Ich mache mich inzwischen an der Hecktür des Caravans nützlich. Einige Feudenheimer sind auf ihrem täglichen Weg zum Bäcker Grimminger. „Mensch, guggemol do! De Herr Professer - in Schhloofozug un Pelzmitz – zerrt die Milltonn iwwer’s Trottoir?!“

„Guten Morgen, Herr Professor Drähde!“ höre ich bereits die Verkäuferin rufen, überlaut wie an jedem Morgen. Aber bitte nicht jetzt!

Gutmütig hievt der Mannemer Müllmann unsere Biotonne hoch, mit links, und der Orangenriese schluckt alles.

„Würden Sie den vielleicht auch noch mitnehmen?“ frage ich und halte ihm ohne große Hoffnung einen übervollen Biosack entgegen.

Mit einem „Abba klaar“ wird auch der geschluckt.
Als ich wieder hinterm Steuer sitze, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich bin gerettet, eben gerade noch. - Unsere Ehe ist gerettet!



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